Auf dem Hauptstadtkongress 2017…

…war ich gefragt zum Thema Führung & Personalbindung und eröffnete meinen Beitrag mit einer kleinen Träumerei aus meinem zweiten Arbeitsheft:

Ihre Augen leuchteten. Ich hatte sie gefragt, ob sie beim Tanzen schon einmal richtig geführt wurde und die Antwort lag auf der Hand: „Er hat mir das Gefühl gegeben, tanzen zu können und ganz schön und leicht zu sein.“ Das möchte sie ihren Mitarbeitern auch bieten können.

Die hohe Kunst des Führens ist, dem Geführten die Sicherheit zu geben, die er braucht, um förmlich über das Parkett zu schweben. Fachlich, wirtschaftlich und menschlich ist dabei Balance zu halten, das ist die eigentliche Führungsaufgabe. Als Führungskraft sollte man Freude am Ausbalancieren von Spannungen haben! In der Chefetage ist auch folgendes Bewusstsein hilfreich:

„Ohne unsere Mitarbeiter sind wir nichts.
Was können wir alleine schon bewegen?“

Mein Bild: Die Führung sitzt auf dem Kutschbock und lenkt das Unternehmen in eine bestimmte Richtung. Die Zugpferde sind Mitarbeiter mit ganz anderen Qualitäten, sie bringen das Unternehmen voran. Gut geführt sind sie stark und selbstbewusst, ohne auszubrechen. Eine Frage zum Mitnehmen: „Darf der Mitarbeiter besser oder stärker sein als sein Chef?“ Eigentlich muss er sogar stärker sein.

An dieser Stelle finde ich es wichtig, klar zu stellen, was das Besondere an der stationären Altenhilfe ist:

  1. die Klienten: zunehmend Menschen, die „in keine andere Wohnform passen“
  2. Bewohner und Mitarbeiter verbringen sehr viel Zeit miteinander
  3. ihr Wohlbefinden ist abhängig voneinander: geht es einem nicht gut, macht das was mit dem anderen

Für die Mitarbeiter ist es der Arbeitsalltag, für die Bewohner ist es noch viel mehr. Jeder professionell Mitwirkende braucht übrigens Führungsqualitäten, um Menschen mit Demenz ein guter Begleiter zu sein. Unabhängig von der Qualifikation ist jeder ein Stück verantwortlich für das Erkennen von Bedürfnissen und den Verlauf des Tages.

Aber kommen wir zur Bindung. Der aktuelle Fachkraftmangel ist entstanden, weil mehr Menschen die Flucht ergreifen als neu hinzukommen, und das bei ständig steigendem Bedarf. Es gibt wirklich genug Menschen, die in diesem Beruf ausgebildet wurden. Die Frage ist: Was ist zu ändern, damit sie bleiben oder sogar zurückkehren in den Beruf, für den sie sich einmal bewusst entschieden haben?

Mein Ansatz: genau hinhören, was die Menschen, die an der Basis arbeiten, belastet. In den Projekten setzen wir uns ganz konkret mit den Strukturen und Regeln des Pflegealltags sowie den dazugehörigen Gefühlen auseinander. Eines hatten alle Mitarbeiter gemeinsam. Sie begeisterten sich für folgende Zielvorstellung: Mit einem guten Gefühl Feierabend machen.

Möglicherweise ist dieser Punkt Fluchtgrund Nummer eins: „Wenn die Bilanz einfach nicht stimmt, man Tag für Tag Dinge tun muss, die sich nicht richtig anfühlen“. Kurz dahinter kommt Fluchtgrund Nummer zwei: „Wenn ich langfristig so weiter arbeite, gehe ich kaputt“.

Die gute Nachricht habe ich auch verkündet: Es hat einen extrem gesunden Anteil, wenn Menschen das erkennen und sich dann konsequent zurückziehen. Ihnen haben wir es ein Stück weit zu verdanken, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern müssen, um den Betrieb erhalten zu können. Für bessere Arbeitsbedingungen auf Gefühlsebene sorge ich mit der konkreten Beschreibung der Aufgabe einer Branche, die gesellschaftlich gerne auf – Sie wissen schon – reduziert wird:

Professor Mühlbauer hat mir sehr aus der Seele gesprochen, als er zum Ende der Session klar stellte: Konzepte lassen sich nicht imitieren oder duplizieren. Wir können uns umschauen und von anderen inspirieren lassen, uns Experten und Coaches dazu holen – und dann ist der eigene Weg zu finden und selbst zu beschreiten.

Mein abschließender Tipp: Arbeiten Sie mit der Wahrheit der Mitarbeiter. Finden Sie die heimlichen Regeln, die den Auftrag erschweren. Ersetzen Sie sie mit neuen Regeln. Die Wahrheit der Mitarbeiter zählt, wenn es um Bindung und Führung geht.

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